Tag 133: Ausflug in die Vergangenheit

Marie, Lina (eine Schwedin aus dem nächsten Ort) und ich sind heute Morgen Richtung Lancaster aufgebrochen. Dort befindet sich nämlich ein sogenanntes „Amish Village“, also ein Dorf, in dem Amish People leben. Diese stammen ursprünglich zum Großteil von Südwestdeutschen bzw. Deutschschweizern und sind bekannt dafür, dass sie fast jeglichen technischen Fortschritt ablehnen. So führen sie ihr Leben tatsächlich, ohne an das Stromnetz angeschlossen zu sein. Es klingt unglaublich, ist aber wahr. Kein Fernseher, kein Computer (geschweigedenn Internet), kein Telefon, nichts. Geheizt wird mit Holz und Lampen sowie der Kühlschrank funktionieren mit Gas. Alle 2-3 Meilen gibt es eine Telefonbox, die von den Bewohnern benutzt werden kann, um Anrufe zu tätigen. Wenn allerdings jemand anders sie erreichen will, können diejenigen nur eine Nachricht hinterlassen auf dem Anrufbeantworter, die die Leute dann von Zeit zu Zeit abhören gehen.

Die Amish People dürfen außerdem kein Auto fahren, weswegen sie sich in Pferdekutschen fortbewegen. Diese sind dort ein vollkommen akzeptiertes Fortbewegungsmittel und niemand (außer vielleicht wir Touris) guckt blöd, wenn neben dir an der Kreuzung ein Pferd steht, an dem ein kleiner Wagen befestigt ist, in dem bis zu 4 Leute sitzen, die definitiv aussehen als wären sie aus dem 18. Jahrhundert entsprungen. Viele Leute sind auch einfach nur zu Fuß unterwegs oder auf einem Roller, welcher aussieht wie ein Fahrrad, nur dass anstelle des Sattels eine Fläche für den Fuß ist. Fahrräder dürfen die Kinder dort nicht haben, weil es sie zu weit weg von ihrem Zuhause bringen könnte. Es gibt noch weitere seltsame Regeln: Die Haare der Mädchen werden NIE geschnitten. Amish darf nur mit Amish verheiratet werden. Sobald die Männer verheiratet sind, dürfen sie ihren Bart nicht mehr rasieren. Wenn man einmal verheiratet ist, muss man bis zum Ende seines Lebens mit dem anderen zusammen bleiben; Scheidung ist verboten. Eine Amish Family muss mindestens 6-8 Kinder haben. Die Kinder werden normalerweise alle zu Hause geboren. Es werden niemals Fotos gemacht und schon gar nicht im Haus aufgehängt (das gilt in ihren Augen als Zeichen von Stolz und Gott würde das nicht akzeptieren). Die Kleidung muss einfarbig und ohne jeglichen Schnickschnack sein; nichtmal Knöpfe sind erlaubt, denn das wäre ja auch eine Art „Deko“, die ihrer Meinung nach unnötig ist. Genau so wird man auch in keinem Amish House Vorhänge finden, weil sie eben auch keinem Zweck dienen. Stattdessen hat man grüne Rollos an den Fenstern, die im Sommer vor Hitze schützen, denn eine Klimaanlage ohne Strom ist quasi genau so hilfreich wie ein Pullover im Hochsommer.

 

Äußerst interessant ist auch ihre Sprache. Zu Hause sprechen sie ein sogenanntes Pennsylvanian Dutch, das ist eine Mischung aus Deutsch, Englisch und Holländisch. Sie lernen in der Schule aber auch „richtiges“ Englisch und sogar Hochdeutsch!! Anlässe wie Hochzeiten, Beerdigungen und Gottesdienste werden nämlich in Deutsch abgehalten.

 

Wie ich ja schon erwähnt habe, dürfen sie selbst kein Auto fahren. Mitfahren ist allerdings erlaubt (auch in Bussen, Zügen, etc.). Was sie aber nicht tun sollten, ist fliegen. Das geht nur in äußersten medizinischen Notfällen. Doch Amish People haben keine Versicherung; ihre Versicherung ist die Kirche (dorthin zahlen sie regelmäßig Geld ein).

 

Verdienen tun sie dieses Geld übrigens alle durch eigene Unternehmen. Meist natürlich landwirtschaftlich. Man muss beachten, dass diese Leute tatsächlich noch die alten Geräte benutzen (Traktorfahren ist ja verboten) und ihre Felder wirklich noch mit Hand bearbeiten.

Energie, die für Dinge wie beispielsweise zur Kühlhaltung von Frischmilch der Kühe benötigt wird, muss aus erneuerbaren Energiequellen stammen. Man findet also auf den Farmen überall Solarzellen und kleine Windräder.

 

Wir haben da mittags so eine Bustour gemacht, die uns eineinhalb Stunden lang durch den Ort geführt hat. Es fühlte sich wirklich an wie in einer anderen Welt; auf den Straßen sind kleine Pferdekutschen unterwegs; Familien, die gerade aus der Kirche kamen, liefen wieder nach Hause und neben uralten Pflügen grasten Kühe auf einer Weide.

Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was die über uns so denken. Und was sie vor allem auch von sich selbst halten. Ich mein, letztendlich sind die Menschen ja damit aufgewachsen und kennen es halt so. Aber in dem Ort wohnen ja trotzdem auch „Englisch People“, wie sie sie nennen… Quasi alles, was nicht Amish ist, also „normale“ Amerikaner. Es gibt wohl auch viele Amish People, die mit English Familys befreundet sind und daher einen Einblick kriegen, wie ein anderes Leben aussehen könnte. Bis zum 17. Lebensjahr kann man anscheinend auch aus dieser Gemeinschaft austreten, ohne dass man damit einen Familienstreit auslöst und für immer verbannt wird. Entscheidet man sich allerdings später, nachdem man der Kirche beigetreten ist, ein normales Leben zu führen, gilt das als Verrat und man sollte sich dort wohl besser nicht nochmal blicken lassen.

 

Nach der Bustour hatten wir noch eine Führung durch ein typisches Amish House bzw. konnten wir auf der Farm herumlaufen, auf dem es auch zwei kleine Geschäfte mit Amish Products gab, einen Stall mit Schweinen, Pferden und Hühnern, sowie ein Modell einer Schule. Diese gibt es auch alle paar Meilen in dem Dorf. Sie bestehen immer nur aus einem Raum mit einer Tafel und 20-30 Plätzen. Eine Lehrerin unterrichtet gleichzeitig Kinder von der 1. bis zur 8. Klasse. Mehr als 8 Jahre dürfen die Kinder hier auch nicht zur Schule gehen; sie könnten also niemals Arzt oder Rechtsanwalt oder sowas werden. Meistens treten sie in das Familienunternehmen vom Großvater mit ein, in dem schon die anderen 50 Enkelkinder arbeiten. Damit wäre immerhin seine Rente gesichtert, wie praktisch. ;)

 

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(Ich lad demnächst noch ein paar Fotos hoch!)

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